Machen No-Code und Low-Code-Plattformen IT-Abteilungen und IT-Entwickler zukünftig überflüssig?

Tags: , 4,2 Min. LesezeitZuletzt aktualisiert: 17. Mai 2022

Fachkräftemangel – vor allem in der IT – ist in vielen Unternehmen eine Sorge für Management und Personalabteilung: mit zunehmender Digitalisierung müssen immer mehr digitale Anwendungen entwickelt werden, dem stehen jedoch zu wenige Ressourcen gegenüber und keine Entspannung in Sicht.

Doch was wäre, wenn es dafür eine ganz einfache Lösung gäbe?

Was wäre, wenn plötzlich z.B. Innovationsmanager:innen und Fachbereichsleiter:innen ohne die Unterstützung der IT-Abteilung oder eines externen Umsetzungspartners Prototypen und Anwendungen vollkommen autark entwickeln könnten?

Nur ein Wunschtraum? Jein, denn an genau dieser Stelle setzt No-Code/Low-Code-Entwicklung (NLC) an: Die Idee dabei ist, dass wirklich jeder Software entwickeln kann. Und das ganz ohne Code („No Code“). Mit dem Vorteil: Es muss nicht mehr der Weg der aufwändigen Individualprogrammierung oder der Weg über die IT-Abteilung gegangen werden.

 

Gartner schätzt im „Magic Quadrant for Enterprise Low-Code Application Platforms 2021“, dass bis 2025 ca. 70% der Anwendungsentwicklung auf NLC-Plattformen stattfinden wird.¹

Aber was genau ist No-Code/Low-Code-Entwicklung?

Eine NLC-Plattform stellt eine Oberfläche bereit, mit der Nutzer Datenquellen, Business-Logik und grafische Benutzeroberfläche zu nützlichen Anwendungen zusammenklicken können und das ohne eine einzige Zeile Code schreiben zu müssen.

Im Falle von „Low-Code“ kann die damit erstellte Anwendung zudem noch durch programmierten Code ergänzt werden.

Die Benutzung einer NLC-Plattform ist sehr einfach zu erlernen und kann mit geringem Einarbeitungsaufwand von (fast) jedem bedient werden – der Begriff der hier oft verwendet wird ist „Citizen Developer“ (im Gegensatz zum professionellen Programmierer).

Die wohl bekanntesten Einsatzgebiete von NLC-Plattformen sind Websitebaukästen, die auch „den Friseur um die Ecke“ in die Lage versetzen, seinen eigenen Webauftritt oder sogar seinen eigenen Webshop selbstständig zu erstellen. Und das selbst dann, wenn dieser keine Zeile Code schreiben kann.

Ein Einsatzgebiet von No-Code/Low-Code-Plattformen im Business-Kontext ist z.B. Robotic Process Automation (RPA). Hier geht es darum, repetitive Aufgaben (wie das Eintragen von Daten in ein Formular) über das Nutzerinterface zu automatisieren. Dabei stellt der Benutzer den Workflow, den er sonst „von Hand“ durchführt auf der Oberfläche des RPA-Werkzeugs zusammen und kann diesen danach beliebig oft und mit unterschiedlichen Parametern ausführen.

Aber auch mobile Apps, die einen Business-Prozess vereinfachen, lassen sich mit einer NLC-Plattform erstellen. Mittlerweile gibt es für fast jedes Anwendungsgebiet – von Voice-Interfaces über Business Intelligence-Auswertungen bis hin zu KI-Anwendungen – entsprechende NLC-Plattformen.

NLC – mitnichten ein Allheilmittel.
Herausforderungen und Grenzen für NLC-Plattformen.

Die Existenz der NLC-Entwicklung bedeutet nicht, dass nie wieder die Unterstützung der IT-Abteilung oder eines „echten“ Programmierers benötigt wird – auch die Entwicklung von NLC-Anwendungen hat ihre Grenzen.

Damit eine NLC-Anwendung wirklich nützlich sein kann, muss sie früher oder später auf Daten zugreifen, die in diversen Systemen im Unternehmen gespeichert sind. Hier ist die Zusammenarbeit mit der IT-Abteilung notwendig. Sie muss dafür sorgen, dass die entsprechenden Systeme auch sicher an die NLC-Plattform angebunden werden können. Auch die Auswahl der NLC-Plattform sollte man nicht ganz ohne die Mitarbeit der IT vornehmen – zumindest dann nicht, wenn später auch deren Support in Anspruch genommen werden soll.

Wenn eine NLC-Anwendung wächst und weitere Anforderungen umgesetzt werden müssen, kann es passieren, dass die in der Anwendung umgesetzte Business-Logik unübersichtlich und schwer anpassbar wird. Die meisten NLC-Plattformen stellen die Logik als „Kästchen und Linien“ dar. Wenn diese Logik-Ansicht einem Gemälde der abstrakten Kunst gleicht, ist eine Anpassung kaum noch möglich.

Auch beim „Bugfixing“ und „Testing“ kommen NLC-Plattformen an ihre Grenzen. Zwar stellen die meisten NLC-Plattformen dafür ihre eigenen Tools bereit, jedoch sind diese lange nicht so leistungsfähig wie entsprechende Werkzeuge der professionellen Softwareentwicklung.

Und nicht zuletzt spielt der Aspekt des „Vendor-Lock-In“ eine Rolle. Auch wenn es relativ unwahrscheinlich ist, dass einer der etablierten Anbieter kurzfristig aus dem Business aussteigt, kann dieses dennoch geschehen. Nachdem man sich für eine NLC-Plattform entschieden hat, ist man für die Lebensdauer der Applikation dazu gezwungen, alle Änderungen die der Hersteller an der Plattform oder dem Preismodell vornimmt, mitzutragen.

IT-Abteilung ©Sigmund, unsplash.com

NLC-Plattformen haben ihre Grenzen, IT-Abteilungen sind nach wie vor notwendig. © Sigmund, unsplash.com

Es kommt auf die richtige NLC-Strategie an.

NLC-Plattformen können und sollen die traditionelle Softwareentwicklung nicht ersetzen. Allerdings können sie einen sinnvollen Mittelweg zwischen den Entscheidungen „Make or Buy“ bilden.

Die Entwicklung auf einer NLC-Plattform macht Sinn, wenn:

  • die Anwendung ein recht simples User Interface haben kann
  • die Anwendung nicht mit zu vielen internen Systemen verbunden werden muss
  • die damit zu implementierende Geschäftslogik keinen zu hohen Komplexitätsgrad besitzt
  • es keine „fertige“ Lösung für die bestehende Herausforderung zum Kauf gibt

Das ideale Anwendungsfeld von NLC-Anwendungen sind:

  • nicht-geschäftskritische Anwendungen
  • Prozess-optimierende interne Anwendungen
  • Prototypen während der MVP-Phase einer Produktentwicklung

Sobald sich die, mit NLC erstellte Anwendung, auf dem Weg zur „Mission-Critical“-Applikation befindet, sollte sorgfältig geprüft werden, ob eine Individualentwicklung nicht erfolgsversprechender ist.

¹ Quelle: https://www.gartner.com/doc/reprints?id=1-27IIPKYV&ct=210923&st=sb

Autor

Benedikt Eger
Head of Technology, Managing Director bei Unterschied & Macher. Mit mittlerweile jahrzehntelanger Expertise in der digitalen Produktentwicklung berate ich Kunden aus Legal und Finance. Mein Fokus liegt dabei immer darauf, die richtige Lösung für die aktuelle Challenge zu finden - sei es durch den Einsatz eines existierenden Produktes oder individuelle Implementierung.
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