Innovation Labs sind die Treiber von Innovationen in vielen großen Unternehmen. Sie sind nötig, um die Transformation voranzutreiben und somit wettbewerbsfähig zu bleiben und sich ändernden Marktbedingungen anpassen zu können. Wie z. B. in einer Pandemie. Philipp Seubert, Leiter des Innovation Lab der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG erklärt, wie sie mit ihrem Innovation Lab gemeinsam relevante Geschäftsmodelle, Prozesse und Produkte für die Industrie der Zukunft realisieren. Und die Herausforderungen, die Corona mit sich brachte, gemeistert haben.

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Lieber Philipp, die Themen Innovation und Digitalisierung sind stets aktuell und werden uns auch zukünftig begleiten. In Deutschland gibt es derzeit ca. 250 Innovation Labs. Warum hat die Infraserv Höchst auch eine Innovationseinheit ins Leben gerufen, welches Ziel verfolgt ihr damit und wie geht ihr das Thema digitale Transformation und Innovation in eurem Unternehmen an?

Neue Technologien ziehen Veränderungen mit beispielloser Geschwindigkeit nach sich und treiben die Transformation ganzer Geschäftsfelder voran. Die chemisch/pharmazeutische Industrie ist hiervon nicht ausgenommen – wenn auch mit einer Verzögerung von ca. 2 bis 3 Jahren zu anderen Branchen, wie zum Beispiel Automotive. Im Gegensatz zu Automotive haben wir jedoch keinen Treiber wie es zum Beispiel Tesla für diese Branche ist.

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, benötigen wir eine sichere und risikoarme Umgebung, die Raum für Innovation und Transformation bietet und aktuelle wie auch zukünftige Geschäftsmodelle vereint. Als Innovation Lab der Infraserv Höchst-Gruppe unterstützen wir beim Aufbau relevanter Geschäftsmodelle, Prozesse und Produkte für die Industrie der Zukunft.

Unser Ziel ist es dabei immer, Geschäftsmodelle neu zu denken (ökonomische Nachhaltigkeit), dabei auf unsere Umwelt zu achten (ökologische Nachhaltigkeit) und unsere Gemeinschaft zu stärken (soziale Nachhaltigkeit).

Im Kern ist ein Innovation Lab ja eigentlich das Gleiche wie die Gründung eines Start-ups, oder?

Absolut. Als wir 2018 gestartet sind, waren unsere Ressourcen noch sehr begrenzt. Das Management wusste zwar, dass wir als Unternehmen etwas tun müssen, um bei den anstehenden Transformationsprozessen gut aufgestellt zu sein – allerdings hatte niemand ein Patentrezept dafür. Wir mussten unser Management also erst von unserem Konzept überzeugen. Was jedoch, wie man heute sieht, gut funktioniert hat.

Allerdings waren wir nur mit sehr begrenzten Ressourcen ausgestattet. Deshalb mussten wir vor allem am Anfang sehr kreativ sein, um einen maximalen Output erzielen zu können. Gerade diese Challenge hat uns sehr gutgetan. Denn wir waren gezwungen, die über viele Jahre gewachsenen Prozesse zu hinterfragen und gegebenenfalls neu aufzustellen.

Bis heute hat sich hier wenig verändert: alle unsere Projekte müssen sich in Pitches beweisen, bevor es in die nächste Runde geht.

Eine These zu Innovation Labs von mir: Es sind meist sehr schöne Räumlichkeiten, die aber nur für Meetings der Managementebenen und als Marketingspektakel genutzt werden. Ist das bei euch auch so?

Wir haben tatsächlich sehr schöne Räume (lacht)! Auch wenn es derzeit manchmal so scheint, dass vor allem die mittlere und obere Managementebene unsere Räume nutzt, steht unser Lab allen Mitarbeitern der gesamten Infraserv Höchst-Gruppe jederzeit offen. Das liegt vor allem daran, dass wir im Grunde zwei Labs betreiben: ein physisches und ein virtuelles.

Unsere Mitarbeiter sind im Industriepark Höchst über 4,6 km² bzw. 600 Fußballfelder verteilt und deshalb haben wir sehr früh damit begonnen digitale Kommunikationsplattformen zu nutzen, um alle miteinander zu verbinden.

Die Nutzung dieser Plattformen hat sich mit Beginn der Corona-Pandemie noch einmal drastisch verstärkt und heute sind wir in der Lage, alles was wir zuvor vor Ort gemacht haben auch digital anbieten zu können. Viele Mitarbeiter bevorzugen – zu unserem anfänglichen Erstaunen – sogar die digitalen Formate, was in der zweiten Betrachtung aber gar nicht mehr verwundert: wir erreichen die gleichen Outputs bei geringerem Aufwand.

Räume des Innovation Labs der Infraserv Höchst

Moderne Räumlichkeiten des Innovation Lab der Infraserv Höchst © Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

Die Gleichstellung von Digital Innovation-Bereichen zu Geschäftsbereichen ist aus meiner Sicht extrem wichtig! Wie ist hier Deine Rolle innerhalb des Unternehmens?

Die Antwort hierauf ist nicht ganz einfach: es kommt darauf an. Die Geschäftsbereiche der Infraserv Höchst-Gruppe sind sehr breit aufgestellt – von Arbeitsmedizin über Logistik und Bildung bis hin zur Energieerzeugung. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, uns als internen Dienstleister aufzustellen und immer gemeinsam mit den operativen Mitarbeitern Projekte anzugehen.

Wir als Digital Innovation Unit bieten Raum, Methoden und Netzwerke. Und unsere Geschäftsbereiche mit ihren operativen Mitarbeitern bringen das fachliche Know-how ein. Das ist für uns eine extrem starke Kombination.

Natürlich wäre es manchmal einfacher, wenn wir eigenständig Projekte vorantreiben und umsetzen würden. Andererseits sind wir so immer am Shopfloor und registrieren jede kleine Veränderung der Marktlage durch den Input der operativen Mitarbeiter.

Viele Unternehmen richten Ihre Labs in Berlin ein. Warum habt ihr euch für den Standort Frankfurt entschieden?

Das stimmt, die meisten Unternehmen richten ihre Labs in Berlin ein. So wird einerseits ein geschützter Raum außerhalb des Headquarters geschaffen und andererseits besteht dort ein ziemlich mächtiges Innovations-Ökosystem.

Wir haben uns bewusst für Frankfurt als Standort entschieden, um nah an den operativen Mitarbeitern zu sein, die ja in all unseren Projekten dabei sind. Ein klein wenig Freiraum haben wir uns aber auch geschaffen, indem wir nicht im Industriepark Höchst sitzen, sondern „vor den Zaun“ gezogen sind. Das schafft uns zum einen etwas Abstand, erlaubt aber dennoch die schnelle persönliche Kommunikation. Und inzwischen hat auch Frankfurt ein starkes Ökosystem im Bereich Innovation, welches ständig größer wird.

Wir als Digital Innovation Unit bieten Raum, Methoden und Netzwerke. Und unsere Geschäftsbereiche mit ihren operativen Mitarbeitern bringen das fachliche Know-how ein. Das ist für uns eine extrem starke Kombination.

Philipp Seubert, Leiter des Innovation Lab der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

Probieren geht über Studieren – der Erfolg einer Innovationseinheit liegt sicher auch darin, Dinge auszuprobieren. Manchmal führt erst der fünfte Anlauf zum Erfolg. Wie ist eure Haltung hierzu?

Selten ist der erste Anlauf auch direkt der beste. Das unseren Mitarbeitern nahezubringen war eine echte Herausforderung. Denn wenn man einen Industriepark betreibt, tut man alles, um ein 100% sicheres Produkt auszuliefern. Und so sind bisherige Projekte darauf getrimmt, bloß keine „Fehler“ zu erzeugen. Was im Grunde auch kein falscher Gedanke ist.

Doch gerade diese „Fehler“ sind notwendig, um zu lernen und noch bessere Produkte zu bauen. Deswegen haben wir mit unserem Innovation Lab eine sichere und risikoarme Umgebung geschaffen, um „out of the box“ zu denken.

Dennoch liegt Fehlervermeidung natürlich weiterhin in der DNA unserer Mitarbeiter. Die Entwicklung unserer Kultur hin zu kleinen Experimenten und Iterationen und weg von der Entwicklung des einen perfekten Releases, wird uns noch ein wenig beschäftigen.

Die Pandemie hat verdeutlicht, dass digitale Innovationen, aber auch digitale Interaktionen sehr wichtig sind. Wie hat sich die Krise auf eure Arbeit ausgewirkt?

Als die ersten validen Berichte über das Ausmaß der Corona-Pandemie bei uns aufschlugen, haben wir – wie viele – noch versucht mit Hilfsmitteln wie CO2-Ampeln, Abstandsmarkierungen und Plexiglasabtrennungen sichere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Allerdings war sehr schnell klar, dass wir über Monate weit weg von einem normalen Betrieb sein werden. Zwar hatten wird bereits digitale Kommunikationsplattformen, doch es fehlten die Erfahrungen wirklich 100% remote zu arbeiten und in diesem Setting auch Workshops zu ermöglichen.

Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und diesmal für uns selbst neue Produkte und Formate entwickelt: digitale Workshops. Mit jedem Workshop haben wir dazugelernt und sind jetzt an dem Punkt, dass unsere Mitarbeiter die digitalen Formate sogar bevorzugen.

Wie sieht das bei euch konkret aus? Was waren die Herausforderungen dabei?

Unsere Formate remote-fähig zu machen war schwerer als erwartet: remote geht doch sehr viel Interaktion verloren. Um das auszugleichen, mussten wir mehr kommunizieren und die Qualität der Interaktion steigern. Dafür haben wir ein Streaming Studio aufgebaut, aus dem heraus wir Workshops in optimaler Qualität ermöglichen können.

Wir produzieren unsere Workshops wie in einem Fernsehstudio mit HD-Kameras, einem Teleprompter, einem virtuellen Whiteboard und einer Live-Regie, in der alle Fäden zusammenlaufen. Mit unserem modularen Workshopbaukasten können wir innerhalb kürzester Zeit für jeden Workshop ein individuelles digitales Setting schaffen. So sind wir trotz der Distanz nah bei allen Beteiligten.

Ausstattung für Online-Workshops wie in einem Fernsehstudio

Ausstattung wie in einem Fernsehstudio. So hält das Innovation Lab der Infraserv Höchst digitale Workshops. © Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

Durch die Remote-Situation mussten bestimmt auch bestehende Prozesse und Methoden neu gedacht werden?

Ja, eines unserer Hauptformate, der Design Sprint, war von der Umstellung auf Remote-Formate natürlich auch betroffen. Der ursprüngliche, von Jake Knapp bei Google entwickelte, Design Sprint dauert 5 Tage. In diesen 5 Tagen werden vage Ideen in konkrete Lösungen umgewandelt, daraus wird ein Prototyp gebaut und mit echten Nutzern und Kunden getestet. Das Prinzip dahinter ist simpel: Schnell den Anfang zu machen ist wichtiger, als direkt 100% richtig zu liegen.

Wir haben den Design Sprint einmal auf den Kopf gestellt, dekonstruiert und angepasst wieder zusammengefügt. Entstanden ist unser Remote Design Sprint. Er ist der ultimative Supercut des ursprünglichen, 5-tägigen Sprints. Aus 5 ganzen Tagen wurden 4 halbe! Das schaffen wir dadurch, dass wir als Lab ein erfahrenes Team beisteuern und viele Dinge zwischen den Workshops im Hintergrund erledigen.

Der Remote Design Sprint ist nicht nur Notlösung, sondern eine optimale Ergänzung unseres Portfolios, das wir inzwischen auch Unternehmen außerhalb des Industriepark Höchst zur Verfügung stellen. Hier möchten wir in Zukunft noch mehr Unternehmen erreichen und gemeinsam relevante Geschäftsmodelle, Prozesse und Produkte für die Industrie der Zukunft realisieren.

Na, wenn das kein wunderbares Beispiel für innovatives Mindset ist! Abschließend würde mich noch interessieren, wie die im Lab entstandenen Innovationen an den Kunden gebracht werden?

Innovationen an den Kunden zu bringen ist tatsächlich gar nicht so schwer. Beziehe den Kunden direkt in die Entwicklung mit ein und es wird etwas Tolles passieren: das Produkt, der Prozess oder das Geschäftsmodell wird genau die Bedürfnisse des Kunden treffen, die Entwicklung verläuft schneller mit weniger Fehlern und damit günstiger.

Vielen Dank für das Gespräch!

Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

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Philipp Seubert, Leiter des Innovation Labs der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

Philipp Seubert

Leiter des Innovation Lab der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

Kontakt: Philipp Seubert auf LinkedIn

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Autor

Simon Hentschel
Business Development Manager bei Unterschied & Macher. Die Probleme unserer Kunden verstehen, Ideen entwickeln, daraus neue digitale Produkte formen und diese mit unserem Know-how und mit viel Innovationslust umsetzen – wenn das keine schöne Aufgabe ist!
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